Warum glauben so viele, dass eine Frau im Eishockeystadion nur wegen der Spieler da ist? Warum wird mir unterstellt, dass ich die Spieler nur filme, weil ich sie geil finde, und warum soll ausgerechnet ich beweisen, dass ich Ahnung habe, obwohl bei Männern nie jemand danach fragt?
Ich bin 19, ich bin seit ungefähr 2012 Fan der Hannover Scorpions und ich gehe mit meiner Mutter zu den Spielen, seit ich klein bin. Eishockey gehört für mich einfach dazu: die Geschwindigkeit, die Stimmung, das gemeinsame Mitfiebern und ein paar Stunden, in denen ich den Alltag vergessen kann. Und trotzdem bekomme ich immer wieder Sprüche zu hören, die mir klarmachen sollen, dass ich da eigentlich nicht richtig hingehöre.
Mich stört daran vor allem, wie selbstverständlich das ist. Niemand überlegt, bevor er so etwas sagt, und von mir wird erwartet, dass ich einfach mitlache. Ich habe darauf keinen Bock mehr.
Das Groupie-Klischee
Sobald eine Frau in der Halle steht, heißt es, sie sei wegen der Spieler da. Ein Mann, der einen Spieler feiert, sein Trikot trägt und von ihm schwärmt, ist ein Fan, und eine Frau, die genau dasselbe macht, wird zum Groupie.
Ich finde das ehrlich gesagt lächerlich, und es ist Sexismus, auch wenn es meistens als Spaß gemeint ist. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Frauen sich nur für Männer interessieren können und nicht für einen Sport, und dass Eishockey eigentlich denen gehört, die auf dem Eis stehen und auf den Rängen jubeln, und das sind in diesem Bild die Männer.
Das Perfide ist, dass ich mich gegen das Klischee kaum wehren kann. Sage ich, dass ich wegen des Spiels da bin, klingt das genau so, wie es jemand sagen würde, der es nicht ist, also stehe ich wieder da und muss etwas beweisen, wonach bei einem Mann nie jemand fragen würde.
„Oh wirklich? Das hätte ich gar nicht gedacht!“
Wenn ich erzähle, dass ich Eishockey schaue oder mich mit dem Sport auskenne, kommt oft genau dieser Satz.
Viele meinen das nett, aber bei mir kommt etwas anderes an, nämlich dass es nicht zu mir passt. Wer überrascht ist, hat vorher etwas anderes erwartet, nämlich dass eine junge Frau von Eishockey nichts versteht, und ich frage mich jedes Mal, warum das eigentlich so überraschend sein soll. Eishockey ist schnell, hart und laut, und genau das macht es für mich so gut.
Es gibt keinen Grund, warum das nur Männer begeistern sollte, außer dass Männer diesen Sport lange für sich beansprucht haben.
Wenn aus Begeisterung etwas Sexuelles gemacht wird
„Der sieht aber gut aus.“ „Du schaust doch sowieso nur aufs Äußere.“ „Du filmst bestimmt nur die Spieler.“ Solche Kommentare habe ich schon bekommen, und jedes Mal wird meine Begeisterung für den Sport auf ein sexuelles Interesse an den Spielern reduziert.
Wenn ein Mann ein Tor filmt, denkt sich niemand etwas dabei, und bei einer Frau wird dem Video eine Absicht unterstellt, bevor überhaupt jemand sieht, was darauf zu sehen ist. Ich glaube, das liegt daran, dass Frauen so sehr daran gewöhnt sind, angeschaut und bewertet zu werden, dass sich viele Männer offenbar nicht vorstellen können, dass eine Frau einfach nur zuschaut. Und das hat Folgen: Wer nicht als Groupie gelten will, überlegt sich zweimal, wie laut man einen Spieler feiert und wie man auftritt. Ich finde es unerträglich, dass Frauen sich kleiner machen sollen, damit man ihnen ihre Leidenschaft glaubt.
Echte Fans und neue Fans
Frauen, die über Social Media oder einen Hype zum Eishockey kommen, werden schnell nicht mehr ernst genommen, als hätten sie sich ihren Platz in der Halle nicht verdient. Ich verstehe das nicht.
Jeder hat irgendwann angefangen, und niemand wird als Fan geboren. Ich glaube dass es gar nicht darum geht, wie jemand zum Eishockey gekommen ist, sondern darum, wer es ist. Wenn Männer über Freunde, den Vater oder das Fernsehen dazukommen, nennt man das Tradition, und wenn Frauen über TikTok oder einen Spieler kommen, heißt es plötzlich das wir ja nur da sind weil wir es Online gesehen haben.
Warum ist das ein Problem? Die DEL feiert selbst Zuschauerrekorde, und trotzdem schauen manche neue Fans schief an, als würde mann ihnen etwas wegnehmen. Ich finde, wer will, dass der Sport wächst, muss Menschen willkommen heißen und sie nicht erst prüfen.
Wenn Frauen die Spieler attraktiv finden
Und selbst wenn eine Frau einen Spieler gut aussehend findet: Was ist daran schlimm? Dann findet sie ihn eben attraktiv, und das nimmt ihrer Liebe zum Eishockey kein bisschen weg. Bei Männern nennt man es Begeisterung, wenn sie einen Stürmer feiern, sein Trikot tragen und von ihm schwärmen.
Bei Frauen wird dieselbe Bewunderung zu Begehren erklärt, und Begehren gilt dann als das Gegenteil von echtem Interesse, als dürften wir entweder den Sport lieben oder die Spieler gut finden, aber niemals beides. Diese Doppelmoral ist einfach scheiße. Und manchmal sind es leider auch Frauen, die sich so voneinander abgrenzen, nach dem Motto: Ich bin nicht so wie die, ich schaue wirklich wegen des Spiels.
Das klingt nach Selbstschutz, ist aber ein Tritt nach unten gegen die Frau neben mir, und es bestätigt nebenbei genau das Klischee, das uns alle trifft. Ich finde, das sollten wir uns untereinander abgewöhnen.
Auch bei den Hannover Scorpions
Bei den Scorpions ist nicht alles gut, nur weil es ein Verein ist, den ich liebe. Ich erlebe die Fanszene in vielen Momenten als offen, aber das ändert nichts daran, dass es Sprüche gibt, die nicht okay sind, und ich finde es feige, das zu verschweigen, nur damit man sich als offene Fanszene gut fühlen kann. Die unangenehmen Kommentare kommen vor allem von älteren Männern, bei den Jüngeren sehe ich eine Veränderung, aber sie sind da, und wer sagt, das seien ja nur ein paar Einzelne, macht es sich zu einfach. Wenn ein Spruch fällt und alle drumherum weghören oder lachen, bleibt er stehen, und die Frau, die ihn abbekommen hat, steht damit allein da.
Dazu kommt das Belächeln. Wenn eine Frau ein Foto mit einem Spieler macht, wird sie schnell doof angeschaut oder belächelt, als wäre sie eben doch nur wegen der Männer da. Bei einem Mann würde sich niemand etwas dabei denken. Ein Foto mit einem Spieler ist ein Foto mit einem Spieler, und wer als Frau das Gefühl bekommt, sich dafür rechtfertigen zu müssen, überlegt sich beim nächsten Mal zweimal, ob sie es überhaupt macht. Das ist ein Verlust für die ganze Fanszene.
ich habe den Eindruck, dass es in letzter Zeit mehr weibliche Fans werden, was ich gut finde. Aber egal ob eine Frau mit Kindern kommt, allein oder mit ihren Freundinnen: Das ist völlig okay, und niemand hat das Recht, ihr deshalb einen Spruch zu drücken. Mehr Frauen im Stadion bedeuten nur dann etwas, wenn sie sich dort auch sicher und ernst genommen fühlen.
Sexismus darf bei uns kein Tabuthema sein, über das man nicht spricht, weil man ja eine offene Fanszene sein will. Ich wünsche mir, dass Fans und Verein solche Sprüche ernst nehmen, dass man sich traut, etwas zu sagen, wenn jemand eine Grenze überschreitet, und dass eine Frau, die sich beschwert, nicht als empfindlich abgestempelt wird. Ich sage das nicht, um den Verein schlechtzumachen, sondern weil ich will, dass sich hier jede Frau wohlfühlen kann.
Meine Mutter und ich stehen seit Jahren nebeneinander in dieser Halle. Wir lieben Eishockey, und ich will nicht länger erklären müssen, warum ich da bin.
ich liebe die art wie du schreibst. Man kann sich so gut hineinversetzen!