Goth ist nicht einfach nur ein Stil, sondern für viele auch ein Teil der eigenen Identität. Trotzdem werden Goth Girls viel zu oft nicht als echte Personen gesehen, sondern nur auf ein bestimmtes Bild reduziert. Im Internet und im echten Leben wird daraus schnell eine Mischung aus Fantasie, Projektion und Sexualisierung. Menschen nehmen dann nicht mehr die Person selbst wahr, sondern nur noch den Look und das Klischee dahinter. Genau das ist das Problem. Denn sobald aus einem Stil ein Wunschbild wird, das andere auf jemanden drauflegen, geht es nicht mehr um Selbstbestimmung, sondern darum, wie jemand für fremde Vorstellungen benutzt wird.Dabei wird oft so getan, als wäre dieses Bild etwas Harmloses oder sogar etwas Bewunderndes. In Wirklichkeit steckt dahinter aber oft ein Blick, der entmenschlicht.
Goth Girls werden dann nicht mehr als Menschen mit eigener Persönlichkeit gesehen, sondern als Fantasiefläche für andere. Genau das macht das Ganze so problematisch: Es geht nicht um Interesse an der Person, sondern um das Festhalten an einer Vorstellung, die mit der Realität wenig zu tun hat. Und sobald dieser Blick in den Alltag übergeht, wird aus einer Ästhetik schnell etwas, das unangenehm, übergriffig oder sogar sexistisch wird. Oft fängt das schon bei scheinbar kleinen Dingen an, bei Kommentaren, Blicken oder Sprüchen, die als locker oder nett verkauft werden. Aber auch das ist Teil des Problems. Denn wenn Menschen ständig darauf reduziert werden, wie sie aussehen oder welche Wirkung sie auf andere machen, bleibt von ihrer eigentlichen Person kaum noch etwas übrig. Genau deshalb ist die Fetischisierung von Goth Girls nicht nur ein Internetphänomen, sondern ein echtes gesellschaftliches Problem.
Online Fetischisierung
Online wird Goth viel zu oft nicht als Szene, nicht als Ausdruck von Persönlichkeit und auch nicht als etwas Eigenes gesehen, sondern nur noch als Bild, als Vorlage, als irgendein Fantasieding, das man sich einfach nehmen kann. Gerade bei Goth Girls passiert das dauernd: schwarzes Make-up, dunkle Kleidung, bestimmte Fotos, bestimmte Posen, eine bestimmte Ausstrahlung, und plötzlich glauben Leute, sie hätten verstanden, wer da vor ihnen ist. Haben sie aber nicht. Sie sehen nicht die Person, sie sehen nicht den Charakter, sie sehen nicht das, was jemand wirklich ausdrücken will. Sie sehen nur das, was sie selbst in dieses Bild reinpacken. Und genau das ist so krank daran. Denn was als Interesse verkauft wird, ist in Wirklichkeit oft nur ein sehr billiger, sehr respektloser Blick, der Menschen auf eine Rolle reduziert, die sie nie spielen wollten.
Das ist nicht einfach nur oberflächlich, sondern richtig abwertend. Weil diese Art von Blick nicht sagt: Ich finde deinen Stil interessant. Sondern eher: Ich habe mir aus dir schon etwas gemacht, und du sollst bitte genau in dieses Bild passen. Als würde der eigene Stil, die eigene Kleidung, die eigene Art sich zu zeigen, plötzlich nicht mehr der eigenen Person gehören, sondern allen anderen, die sich daran aufgeilen oder ihre Fantasien draufwerfen. Gerade im Internet ist das total offensichtlich, weil dort sowieso alles dauernd zur Ware gemacht wird. Leute schauen, speichern, kommentieren, sexualisieren und tun dann so, als sei das harmlos, als sei das bloß ein Kompliment oder ein Zeichen von Aufmerksamkeit. Ist es nicht. Es ist eine Form von Zugriff. Es ist dieser Blick, der Menschen nicht als Menschen sehen will, sondern als Projektionsfläche für etwas, das mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Und genau da kippt es von „Ästhetik“ zu Fetischisierung.
Besonders bei Goth Girls wird das dann noch schlimmer, weil ihr Stil so oft schon automatisch mit etwas Sexuellem, Dunklem oder „Verbotenem“ aufgeladen wird. Es reicht dann schon, dass jemand schwarz trägt, einen bestimmten Look hat oder einfach nicht in dieses glatte, normale, angepasste Bild passt, und schon fangen andere an, daraus irgendeine Fantasie zu bauen. Dabei geht es nicht mal nur um Männer, die das sexualisieren, sondern grundsätzlich um diese Art, wie Menschen im Netz darauf trainiert sind, alles sofort in Kategorien zu pressen: hot, edgy, mysterious, available, verfügbar, konsumierbar. Und genau das macht es so widerlich. Weil da nichts mehr echt gelassen wird. Nichts darf einfach nur Ausdruck sein. Alles wird sofort umgedeutet, ausgeschlachtet, begutachtet und in eine Fantasie verwandelt, die der anderen Person nie gehört hat. Das ist nicht Bewunderung. Das ist auch nicht Interesse. Das ist einfach nur ein übergriffiger Blick, der so tut, als wäre er harmlos, während er in Wahrheit Menschen aus ihren eigenen Bildern rausstiehlt.
Was das im echten Leben bedeutet
Und genau da hört es eben nicht im Netz auf. Das ist ja das eigentliche Problem: Diese ganze Fetischisierung bleibt nicht einfach auf irgendwelchen Accounts, Kommentaren oder seltsamen Posts hängen. Sie wandert mit in den Alltag, in Gespräche, in Blicke, in Nachrichten, in Clubs, auf Straßen, in Dating-Apps, in irgendwelche beschissenen Situationen, in denen Menschen plötzlich glauben, sie könnten sich alles rausnehmen, nur weil jemand einen bestimmten Stil hat. Genau so funktioniert das. Erst wird jemand auf ein Bild reduziert, dann wird aus diesem Bild ein Wunsch, dann eine Erwartung, und irgendwann denken Leute wirklich, sie hätten irgendeinen Zugriff auf diese Person. Als wäre ein Goth-Look automatisch eine Einladung. Als wäre schwarzer Lippenstift oder dunkle Kleidung irgendeine offizielle Erlaubnis, dumme Sprüche zu machen, Grenzen zu verschieben, sexualisierte Kommentare zu schreiben oder im schlimmsten Fall einfach körperlich zu werden. Und genau daran sieht man, wie krank dieses Denken eigentlich ist.
Im echten Leben heißt das nämlich nicht bloß, dass Leute gucken oder komische DMs schreiben. Es heißt, dass Menschen ständig damit rechnen müssen, auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Dass ein normaler Abend, ein Treffen, ein Weg durch die Stadt oder irgendein Gespräch plötzlich kippen kann, weil jemand meint, ein bestimmtes Bild erkannt zu haben, das er jetzt bedienen will. Dann werden aus Blicken schon kleine Übergriffe, aus Sprüchen Grenzüberschreitungen, aus Interesse Belästigung. Und ganz oft passiert das so beiläufig, so selbstverständlich, dass es fast noch absurder ist. Als wäre es völlig normal, dass eine Person nicht einfach sie selbst sein darf, sondern immer zuerst das, was andere in ihr sehen wollen. Das ist nicht nur widerlich, das ist eine ganz konkrete Form von Respektlosigkeit. Denn wer Menschen auf ihren Stil reduziert, nimmt ihnen nicht nur ihre Individualität, sondern auch ihre Sicherheit.
Und das ist der Punkt, an dem man aufhören muss, so zu tun, als wäre das irgendein harmloses Internetding. Es ist nicht harmlos, wenn Leute im echten Leben ankommen und ihre ganze Fantasie aus dem Netz mitbringen. Es ist nicht harmlos, wenn aus einem ästhetischen Interesse plötzlich ein Zugriff wird. Es ist nicht harmlos, wenn Goth Girls ständig mit einem Bild konfrontiert werden, das sie nicht selbst geschaffen haben, das ihnen aber trotzdem übergestülpt wird, bis es fast unmöglich wird, einfach nur als Mensch wahrgenommen zu werden. Genau das ist die Wut dahinter: Dass aus einem Stil, der eigentlich Ausdruck sein könnte, ein Markt für Projektionen gemacht wird. Dass Menschen, die einfach nur sie selbst sind, ständig mit fremden Fantasien zugeschüttet werden. Dass Selbstinszenierung sofort in Sexualisierung umkippen kann, sobald andere meinen, sie hätten ein Recht auf diese Person. Und ja, das ist im Alltag nicht nur unangenehm. Es ist übergriffig. Es ist eine ständige Grenzverletzung. Und es macht verdammt klar, wie wenig Respekt viele eigentlich vor Frauen und vor Menschen mit alternativer Ästhetik haben
Grenzüberschreitungen und Belästigung
Genau da wird aus diesem ganzen Blick auf Goth Girls etwas, das im echten Leben einfach nur noch widerlich ist. Es bleibt ja nicht bei irgendeinem kurzen Gucken oder bei einem Spruch, den man noch halbwegs wegwischen könnte. Es fängt viel früher an und läuft dann genau in diese Richtung: Erst wird gestarrt, dann gelacht, dann kommen Kommentare, die schon viel zu nah an einer Grenze sind, und irgendwann glauben manche Typen wirklich, sie könnten sich einfach immer weiter vorwagen. Und das ist ja das Ekelhafte daran. Für die eine Seite ist es nur ein Abend, eine Haltestelle, ein kurzer Weg, irgendein normaler Moment. Für die andere Seite ist es schon wieder das gleiche Muster: angeglotzt werden, dumm angemacht werden, angesprochen werden, obwohl man klar keine Lust hat, und dann dieses ganze widerliche Nachsetzen, als würde ein Nein nur bedeuten, dass man noch etwas mehr Druck machen muss. Genau da hört es auf, ein Missverständnis zu sein. Das ist keine plumpe Annäherung, das ist Belästigung.
Und Belästigung sieht im Alltag nicht immer aus wie das ganz große offensichtliche Ding. Sie ist oft viel kleiner, viel alltäglicher und genau deshalb so beschissen. Ein Spruch. Ein Grinsen. Ein Schritt zu nah. Ein Kommentar über den Körper. Dieses ständige Gefühl, dass jemand schon denkt, er habe ein Recht auf Aufmerksamkeit, nur weil man ihm auffällt. Gerade bei Goth Girls ist das oft noch schlimmer, weil manche Leute ihren Blick sofort in etwas Sexualisiertes oder Verfügbares umdeuten. Als wäre ein bestimmtes Aussehen schon eine Einladung. Als wäre Anderssein irgendwas, das andere benutzen dürfen. Aber genau so funktioniert das nicht. Ein Look ist keine Freikarte. Ein Stil ist keine Zustimmung. Und trotzdem benehmen sich viele so, als wäre genau das der Fall. Sie testen Grenzen, sie warten auf Reaktionen, sie tun so, als wäre das alles nicht so schlimm, und wenn dann jemand was sagt, kommt sofort dieses Rumgedruckse, dieses „war doch nicht so gemeint“, dieses „stell dich nicht so an“. Doch, genau so ist es gemeint, wenn man immer weiter macht, obwohl man merkt, dass die andere Person keinen Bock hat.
Ich habe so eine Situation selbst schon gesehen. Ein Goth Girl stand an der Haltestelle, einfach nur wartend, und zwei Typen haben sich sofort auf sie eingeschossen. Erst dieses dumme Lachen von weitem, dann ein paar Sprüche in ihre Richtung, dann sind sie nähergekommen, obwohl sie sich schon weggedreht hatte und eigentlich nur noch deutlich gemacht hat, dass sie in Ruhe gelassen werden will. Einer von den beiden hat dann noch in diesem dreckigen Ton irgendwas gesagt wie: „Stell dich nicht so an, wir reden doch nur.“ Und genau da sieht man, wie kaputt so ein Verhalten ist. Weil diese Sätze ja nicht zufällig kommen. Sie sollen runterspielen, was gerade passiert. Sie sollen so tun, als wäre das nur ein bisschen Spaß, obwohl es längst Belästigung ist. Ich bin dann dazwischen gegangen und habe direkt gesagt, dass sie sie in Ruhe lassen sollen und dass sie aufhören sollen, sie zu belästigen. In dem Moment waren sie natürlich plötzlich still. Natürlich. Weil solche Typen oft nur so lange laut sind, wie sie glauben, dass niemand widerspricht. Und genau deshalb muss man solche Sachen auch genau so benennen. Das war übergriffig. Das war Belästigung. Und das passiert viel zu oft.
Wenn Social Media Goth zerstört
Und genau da sieht man, wie sehr Social Media das Bild von Goth Girls komplett verzerrt. Da wird aus einer Szene, die eigentlich für Haltung, Eigenständigkeit und eine klare Abgrenzung steht, plötzlich dieses übersexualisierte Bild gemacht, in dem Goth Girls als dominant, kontrollierend und irgendwie verfügbar für Fantasien dargestellt werden. Auch dieses ganze „Mommy“-Gerede gehört dazu. Nicht, weil Vorlieben an sich peinlich wären, das sind sie nicht sondern weil daraus ständig ein Klischee gemacht wird, das Goth Girls auf eine Rolle reduziert. Als müsste Goth automatisch etwas mit Machtspielen, Unterwerfung oder einem erotisierten Bild zu tun haben, nur weil Leute online genau das dauernd nachmachen und immer wieder ausspielen. Dabei geht es am Ende nicht mehr um die Person selbst, nicht um das, was sie ausdrücken will, und schon gar nicht um Goth als Szene, sondern nur noch um eine Idee, die andere sich zurechtgelegt haben.
Und das Problem ist, dass sich dadurch das komplette Bild von Goth verschiebt. Auf Social Media wird das nicht mehr als Subkultur gezeigt, sondern als eine Mischung aus Sexualisierung, Projektion und vor allem einem Bild, das mit der Realität kaum noch etwas zu tun hat. Dann wird aus einer Szene etwas, das vor allem Fantasien bedient. Und genau das ist das eigentliche Problem: Nicht, dass jemand Vorlieben hat, sondern dass daraus ein dauerhaftes Klischee gemacht wird, das Goth Girls auf etwas festlegt, was sie selbst vielleicht gar nicht darstellen wollen. Dadurch wird aus einem Stil, der eigentlich für Eigenständigkeit, Klarheit und Ausdruck stehen kann, etwas gemacht, das ständig von außen umgedeutet wird. Und genau das zerstört das Bild. Nicht, weil Goth selbst daran schuld wäre, sondern weil es immer wieder in diese Richtung gedrückt wird, bis von der eigentlichen Bedeutung kaum noch etwas übrig bleibt.
Was man daraus mitnehmen muss
Am Ende geht es genau darum, Goth Girls endlich als das zu sehen, was sie sind: Menschen mit eigenem Stil, eigener Haltung und eigenen Grenzen. Nicht als Bild, nicht als Fantasie, nicht als etwas, das man sich einfach nehmen und zurechtbiegen kann. Dieses ständige Sexualisieren, dieses Reduzieren auf ein Klischee und dieses dumme Denken, dass aus einem bestimmten Look automatisch Verfügbarkeit wird, ist genau das Problem. Es nimmt Goth Girls ihre eigene Bedeutung und macht aus etwas, das Ausdruck sein sollte, wieder nur eine Fläche für fremde Vorstellungen. Und genau das ist so falsch daran. Man muss Goth Girls nicht in irgendein übertriebenes Rollenbild pressen, man muss sie nicht auf „Mommy“-Quatsch, Dominanz-Fantasien oder irgendwelche Internetbilder reduzieren. Man sollte sie einfach ernst nehmen. Respektieren. Nicht sexualisieren. Nicht kleinmachen. Nicht so tun, als wäre ihre Existenz dafür da, irgendwem ein bestimmtes Bild zu erfüllen.
Goth ist nicht weniger wert, nur weil andere es falsch lesen. Und Goth Girls schon gar nicht. Genau deshalb sollte man sie supporten, ohne sie ständig zu objektifizieren oder in eine Fantasie zu verwandeln, die mit ihnen selbst nichts mehr zu tun hat.
so schön geschrieben wie immer!
Danke mausiiiii
Bin keine Feministin, gebe dir aber was das angeht völlig Recht. Ich komme selber aus der Goth-Szene und kann mittlerweile was das angeht gar nicht so viel essen wie ich gerne kotzen würde. Ich muss dazu aber auch sagen, dass man nicht nur diejenigen in die Pflicht nehmen sollte die dieses Bild aufgreifen- sondern vor allem diejenigen die es propagieren. Das sind oftmals keine echten Goth Girls sondern E-Girls und Frauen, für die das jetzt im ,,Trend“ liegt. Man fühlt sich umso abgefuckter damit, weil das oft Mädchen (und natürlich Jungs) sind vor denen du früher in der Schule laufen musstest weil sie dich für genau diesen Stil gemobbt haben. Mittlerweile greift die Szene wieder zu Gatekeeping- und das finde ich absolut richtig so. Es hat nichts mit Elitarismus zu tun, sondern mit Notwehr.
Grüße, Alice